Der höchste Berg Österreichs und der größte Einzelgletscher der Ostalpen liegen ganz nah beieinander. Dort kann man dem Gletscher beim Schmelzen zusehen und den Klimawandel begreifen versuchen. Kein Wunder, dass dieser Ort die Besucher magisch anzieht.
Beim Gletscher muss man sogar im Hochsommer eine Mütze aufsetzen, denn es weht ein kalter Winterwind. Auf 2369 Metern über dem Meeresspiegel stehen die Besucher, lehnen am Geländer und blicken von dort aus auf zwei Monumente der Österreichischen Bergwelt: den Großglockner und die Pasterze. Ranger Georg Granig steht lässig mit kurzen Ärmeln am Geländer, er ist den kalten Wind bereits gewöhnt. Der Nationalparkranger führt jeden Arbeitstag Touristengruppen zur Pasterze oder zu anderen Sehenswürdigkeiten im Nationalpark Hohe Tauern. Sein Beruf ist Wissensvermittlung und Bewusstseinsbildung. Granig macht seine Arbeit schon ziemlich lange und er weiß, wie er seine Zuhörer fesseln kann. Er erzählt Geschichten von bitteren Heilkräutern, die man zur Abwehr des Bösen in Türschwellen einmauerte oder er berichtet lebensnah von den Glocknerrennen, die noch bis in die 50er Jahre ausgetragen wurden.
Outdoorschule Hochgebirge
Der Nationalpark ist eine riesige Erlebnisschule, die bei gutem Wetter draußen stattfinden kann. Kinder und Erwachsene erleben hier was Naturschutz heißt oder wie sich der Klimawandel auswirkt. Letzterer wird den Besuchern gerade bei der Pasterze bewusst. Zuletzt war die Pasterze um 1850 an ihrem Höchststand, damals reichte das Eis fast bis auf 2500 Meter. Seither ging der Gletscher um 250 Höhenmeter zurück. Dieses Verhältnis wird einem erst bewusst, wenn man die Zahnradbahn zum Gletscherweg hinunter fährt. Dort wo sich die Talstation der Bahn befindet, stand vor 50 Jahren noch das Eis. Heute führt ein Weg noch viele Höhenmeter hinab, bis man nach 20 Minuten Gehzeit das Warnschild erreicht: „Sie befinden sich nun auf dem Gletscher.“
Ab jetzt dürfen nur mehr die gesicherten und regelmäßig überprüften Wege begangen werden, je weiter man sich dem Eis nähert umso eher sind die Steine lose oder das Eis darunter schon weggeschmolzen. Seit Jahrmillionen graben sich hier die Eismassen durch die Felswände und schieben wie ein Bagger Geröll und Gestein vor sich her. Gefährliches Terrain. Schon viele Unvorsichtige hat der Gletscher verschlungen. Ranger Georg Granig steht auf einem großen Stein und hüpft demonstrativ. „Wenn so ein schwerer Stein noch gehalten wird, dann wird er mich auch noch aushalten“, scherzt er. Wenige Meter von ihm entfernt ist eine Senke, in die unaufhörlich nasser Schutt rinnt. Man kann es plätschern hören.
Im Geröll wurde vergangenen Sommer ein Baum gefunden, den der Gletscher vor vermutlich 6000 Jahren begrub. Der Ort befindet sich bereits außerhalb der Gletscherzone, heuer konnte der Baum geborgen werden. Es handelt sich um eine Zirbe von 1700 Kilogramm, nach ersten Untersuchungen mehr als 100 Jahre alt. „Ich schätze aber, dass sie noch viel älter ist. Zirben können sehr alt werden“, meint Granig. Wie alt sie tatsächlich war, wird derzeit an der Universität Innsbruck untersucht.
Historie im Zeitraffer
Im Laufe der Jahrmillionen führte die Pasterze mal mehr und dann wieder weniger Eis. „Jeder Klimawandel war bis vor der industriellen Revolution durch natürliche Prozesse bedingt, heute ist zu 2/3 der Mensch schuld. In einer globalen Perspektive gibt es sehr viele Menschen, die davon sehr schwer betroffen sein werden“, erklärt Gletscherforscher Gerhard Lieb von der Universität Graz. Er misst seit 25 Jahren jeden Herbst den Gletscherstand. „Eigentlich müsste beim derzeitigen Temperaturniveau die Pasterzenzunge noch viel kürzer sein als sie jetzt noch ist“, sagt Lieb. Das Eis ist heuer wieder um viele Meter zurückgegangen, im Durchschnitt der letzten Jahrzehnte waren es 40-50 Meter jährlich. Der Rückgang des Eises wirkt sich zwar nicht aufs kontinentale Klima, dafür auf das Lokalklima aus. Dort wo vor 50 Jahren noch das Eis stand, wachsen heute schon die ersten Nadelbäume.
„Das Glocknerhaus, das Gasthaus an der Glocknerstraße auf 2150 Metern, würde von Natur aus im Wald stehen“, sagt Lieb. Dass dort heute aber keine Bäume stehen, ist einmal mehr dem Menschen zuzuschreiben: „Für die Gewinnung von Weideflächen wurde die Waldgrenze massiv nach unten gedrückt.“ Die Zirbe wurde sogar noch einige Höhenmeter tiefer entdeckt, etwa 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Schreitet der Gletscherrückgang wie erwartet voran, könnten dort bald wieder junge Zirben aufkommen. Dafür muss sich aber erst ein Boden bilden, auf dem die Samen keimen können und das wird noch einige Jahrzehnte dauern.
„Die Trends, die wir seit den 1980er Jahren verzeichnen, werden sich weiter fortsetzen“, damit bestätigt Lieb, was sich ohnehin jeder gedacht hat. Das Eis wird weiter zurückgehen, der Gletscher Jahr für Jahr kleiner werden. Ob dort in den nächsten Jahren noch weitere Bäume geborgen werden, kann aber niemand abschätzen. Das bleibt eine Frage des Zufalls, denn die meisten potenziellen Funde haben die Scherkräfte des Gletschereises wohl nicht überlebt. „Dort war vor tausenden Jahren wahrscheinlich ein Wald und wir haben nur einen einzelnen Baum gefunden. Die anderen zehn Bäume, die in der Nähe gestanden sind, wurden alle zermalmt und sind längst im Völkermarkter Stausee oder im Varazdinsko Jezero in Kroatien sedimentiert.“ Auch menschliche Funde kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. Kein Knochen kann diesen Kräften standhalten. „Die Leichen, die da sicherlich drin waren, wurden im Eis zermalmt. Was der Gletscher von den Verunglückten übrig lässt, ist lediglich Bergausrüstung und Schnapsfläschchen.“
Ein Blick auf die Ewigkeit
10-15 Jahre dauert es etwa, bis sich Schneereserven am Berg zu kompaktem Gletschereis verdichtet haben. Schneeschicht über Schneeschicht, bis der Druck so groß wird, dass es sich unter dem eigenen Gewicht zu Eis verformt. Ranger Granig erinnert sich an den Jahrhundertsommer von 2003: „Damals hatten wir einen so heißen Sommer, dass die Eisschneereserven von 14 Jahren in einem Sommer weggeschmolzen sind.“ Warme Sommer sind also des Gletschers Verderben, wenn man es so emotional sagen will. Gerhard Lieb kann dem emotionalisierten Bild des Gletschers nur wenig abgewinnen. „Gletscher werden schon fast wie eine bedrohte Tierart wahrgenommen“, wundert er sich ein wenig. Doch nach wie vor kommen jedes Jahr tausende Touristen, die einen Blick auf das Eis werfen wollen. Vielleicht liegt die Faszination am Gefühl der Ewigkeit, das man hier zu spüren bekommt und das vor den eigenen Augen dahinschmilzt. „Und dann muss man eben erkennen, dass ein Gletscher doch nichts Ewiges ist.“
| „Ewiges Eis“
– Der erste Name der Pasterze geht auf I. Holtzwurm zurück, der 1612 Kärntens erste moderne Karte verfasst hatte. In dieser Karte nannte er die Pasterze „glacies continua“, Latein für „ewiges Eis“. – Das Wort Pasterze oder Basterzen bezeichnete bis ins 19. Jahrhundert weniger den Gletscher selbst als das almwirtschaftlich genutzte Gebiet in der Umgebung. – 1850 war der letzte Höchststand der Pasterze, seit damals ging das Eis um 250 Höhenmeter zurück. – Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) schätzt, dass Österreichs kleinere Gletscher bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden sein werden. Größere, wie die Pasterze, werden, wenn auch völlig verändert, im nächsten Jahrhundert noch vorhanden sein. |
Bild und Text: Helena Zottmann. Dieser Text entstand im Rahmen einer Pressereise vom Nationalpark Hohe Tauern für BIORAMA #39 – Magazin für nachhaltigen Lebensstil.






