Stadt aus Holz – Stadt von morgen

Im Jahr 2019 steht die Stadt am Beginn einer Wende. Wie wir leben, wie viel wir konsumieren, und vor allem wie wir bauen, wirkt sich auf unseren Ressourcen- und Emissionsverbrauch aus. Welche Rolle die Architektur und die urbane Infrastruktur dabei spielen, habe ich für die Fachmagazine energie:bau und holzmagazin zusammengefasst.

Wien wächst. Bis 2027 sollen hier 2 Millionen Menschen leben. Wohnraum ist knapp, die Stadt wird ausgebaut. Obwohl weitläufig bekannt ist, dass der Holzbau mit 1 Tonne gebundenem CO2 pro Kubikmeter effektiv zur CO2-Bindung beitragen kann und die Zementproduktion mit 1 Tonne CO2 pro 880kg Zement zu den emissionsintensivsten Industrien zählt, wird immer noch großteils in Beton gebaut. Jede Tonne Beton, die durch einen Kubikmeter Holz ersetzt wird, spart und bindet somit 2 Tonnen CO2. Weil das in Fachkreisen aber bekannt ist und man den Architekten und Planern dort nichts Neues erzählt, habe ich für die Fachmagazine den Fokus auf den Recyclingfaktor in Wien gelegt. Denn obwohl derzeit mehr Holz in Österreichs Wäldern frei als in Österreich verbaut wird, könnte auch rückgebautes Holz von Altgebäuden wiederverwendet und noch einmal verbaut werden, damit das gebundene CO2 auch im Holz bleibt (bei Verbrennung und Verrottung wird dieses wieder frei).

Wie sah es 2018 in Wien aus? In diesem Jahr wurden 2,3 Millionen Tonnen frischer Beton in neuen Gebäuden verbaut, 500.000 Tonnen wurden aus Abrissen frei. Dagegen wurden 20.000 Tonnen Holz neu verbaut, bei exakt gleich viel Holz, das aus dem Gebäuderückbau wieder frei wurde. Würden tatsächlich sämtliche frei gewordenen Baumaterialien im Bausektor recycelt werden, wäre in Wien ein Recycling-Faktor von 35% möglich. Derzeit ist man in Wien davon weit entfernt und es sieht nicht so aus, als wäre das ohne Regulative zu erreichen. In Zürich etwa ist es bereits verpflichtend 50% des durch Rückbau freigewordenen Betons wieder für Bauprojekte zu verwenden.[1]

Material des 20. Jahrhunderts

Beton ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Die Kuppel des Pantheon in Rom wurde in den Jahren um 100 nach Christus gegossen und steht heute noch. Das Kolosseum ist ein weiteres Monument aus dem ewig haltbaren Gussmaterial. Im 20. Jahrhundert fand das vielfältig einsetzbare und billige Material in Kombination mit Stahl zu seiner industriellen Vollendung: Staudämme, Brücken, Hochhäuser, aber auch Kunstwerke, Wohngebäude, Prestigebauten – alles war plötzlich machbar und aus Stahlbeton. Wäre Beton aber heutzutage erfunden worden, wäre wohl niemand ein großer Fan von dem langsam trocknenden und nur in Kombination mit Stahl tragfähigen Material gewesen, meint Michael Ramage, der an der Uni Cambridge zum Holzbau forscht. Und er betont: “Holz ist die einzige Technologie zur Kohlenstoffbindung, die wir kennen und die in großem Maßstab angewendet werden kann.“ Der Architekt und Materialforscher sprach bei einem Architekturtreffen zur Rolle von Architektur in Zeiten der Klimakrise im September 2019 in London[2].

In der Holzbauwelt wird bereits seit Ende der 1990er Jahre das Jahrhundert des Holzbaus hergeschrieben, doch die Welt baut immer noch großteils in Beton. Ohne politische Regulative und damit einhergehende Preisanpassungen bei Holz und Beton wird sich kein Wandel vollziehen, dass Fakten zur Überzeugung nicht ausreichen, zeigen die letzten dreißig und insbesondere die vergangenen zehn Jahre. So sind es derzeit immer nach Pioniere, die zeigen, wie mit natürlichen Materialien, Recycling und vor allem mit Holz CO2 eingespart und gebunden werden kann.

Für die Fachmagazine energie:bau und Holzmagazin habe ich mir die Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft bei den Materialien angesehen und – wenig überraschend – die Potenziale sind gewaltig. (Noch mal zur Erinnerung: 1 Kubikmeter Holz bindet 1 Tonne CO2, 1 Tonne Beton setzt 1 Tonne CO2 frei. Das sollte als Argumentation bereits ausreichen.)

Hier geht’s zum holzmagazin und zum Fachmagazin energie:bau.

[1] Kleemann et al.: Urban Mining potentials and limitations for a circular economy in the building sector; S. 5.

[2] The Architecture of Emergency climate summit, The Barbican Centre, London, UK: https://youtu.be/4tpHi3DLAIk

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