Lebende Leere

Für das Holzmagazin habe ich mich Anfang 2023 mit Baulücken, Zwischennutzungen und Nachnutzungen in der Stadt befasst und versucht herauszufinden, welche Rolle dabei das Baumaterial Holz spielt. Den ganzen Text gibt’s hier zu lesen.

Baulücken, Brachflächen, leerstehende Wohnhäuser oder nicht mehr genutzte Industriegebäude: Orte wie diese existieren nur im Augenwinkel der urbanen Bevölkerung. Wer einen direkten Blick auf die Objekte und vielleicht einen Gedanken aus gewohnten Bahnen wagt, wird von deren Potenzial vielleicht überrascht.

Sie sind ein Ausdruck des Temporären: Leerstände sind manchmal auf bestimmte, öfter auf unbestimmte Zeit ohne Nutzung, warten auf eine neue oder zwischenzeitliche Aufgabe. Leerstand ist – zumindest in Wien – eine große Dunkelziffer, ein entsprechendes Register gibt es in Österreichs Hauptstadt nicht. „Aktuell fallen uns jede Menge neue Leerstände in Wiens Straßen auf – zum genauen Ausmaß haben wir aktuell keine Zahlen“, sagt Katharina Egg von „Kreative Räume Wien“. Als Service der Stadt Wien versteht sich „Kreative Räume Wien“ als Anlaufstelle, die bei Leerstandsaktivierung und Zwischennutzung kostenfrei beratend, vernetzend und begleitend zur Seite steht. Meist wenden sich Leerstand-Suchende an die Stelle, nur selten melden Eigentümer ihren Leerstand zur Vermittlung an. „Besonders wenn es kurzfristig zu einem Aufwand ohne direkt spürbaren Ertrag kommt, ist das Engagement sehr gering“, so Egg. Mittelfristig würde sich der Aufwand aber für alle Beteiligten lohnen. „Gerade in einer wachsenden Stadt wie Wien, die von einer zunehmenden Nutzungsdichte geprägt ist, nimmt die Belebung brach liegender Räume eine Schlüsselrolle für die Entstehung neuer Gemeinschaften der kreativen Nutzungen und der Ko-Kreation ein“, meint Katharina Egg.

Nachhaltig neu nutzen

Gerade vor dem Hintergrund nachhaltiger Baubemühungen bekommt die Nutzung von Bestehendem zusätzlichen Rückenwind. „Die vielbeachtete Königsdisziplin der Architektur war bisher immer der Neubau“, sagt etwa Dieter Brell, Architekt und Partner bei 3deluxe in Wiesbaden. Er meint, das ändere sich gerade: „Architekten sind gefordert, Sanierungen und Umnutzungen zu spannenden, innovativen und zukunftsgerichteten Vorhaben zu machen und damit Begehrlichkeiten für Bestandsimmobilien zu wecken sowie Abriss unnötig zu machen“, sagt er. Als Architekt bei 3deluxe war er am Entwurf für einen hölzernen Co-Working-Space in einem denkmalgeschützten Industriegebäude in der deutschen Stadt Wiesbaden beteiligt. In die ehemalige Kraftwerkshalle des Zementwerks planten die Architekten mehrstöckige Holzboxen, die modular in beliebiger Anordnung aufgebaut werden können. Noch befindet sich das Projekt in der Phase der Kostenermittlung, bevor es um eine etwaige Umsetzung geht, doch die Entwürfe zeigen die Potenziale der Raumnutzung in denkmalgeschützten Hallen. „Im Sinne der Kreislaufwirtschaft gilt es eben auch, bestehende Raumressourcen zu nutzen und so einen Beitrag zur Entwicklung einer zukunftsfähigen Stadt zu leisten“, ist Egg sicher.

Eine Frage des Rechts

Rechtlich gesehen ist die Um- und Zwischennutzung von Leerstand eine offene. Je nach Nutzungsart kommen unterschiedliche Gesetze zur Anwendung. „Aktuell gibt es für Zwischennutzung keine gesetzlichen Sonderregelungen. Das bedeutet, es kommt immer auf die jeweilige Vereinbarung, die Liegenschaft und die örtlichen Regelungen an“, erklärt Katharina Egg. Wichtig sei jedenfalls, dass kein Konflikt mit bestehenden Widmungen durch die Umnutzung entsteht. Die Servicestelle „Kreative Räume Wien“ klärt in dem Zusammenhang sowohl Raumsuchende als auch Eigentümer über rechtliche Rahmenbedingungen auf. Gerade in Wien gibt es eine Vielzahl an Gebäuden, die einen bedeutenden historischen oder architektonischen Wert haben, und deren Erhaltung wichtig ist, um den Charakter der Stadt zu bewahren. Durch die Umnutzung solcher Gebäude können Unternehmen dazu beitragen, diese historischen Gebäude zeitgemäß weiter zu nutzen. „Und“, argumentiert Katharina Egg abschließend: „Die Stadt könnte ihre Rolle als Kultur- und Kreativmetropole weiter ausbauen.“

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