Walk the Line – über die Borderline-Störung

Stimmungsschwankungen und instabile Beziehungen prägen das Bild des Borderliners. Betroffene sind keine Unbekannten mehr in der Gesellschaft, doch das Bild ist unvollständig. 

Sie gelten als beziehungsunfähig, unberechenbar, anstrengend – „Borderliner“ sind Menschen mit extremen Emotionen. „Jeder ist manchmal ein bisschen Borderline“, sagt die Kinder- und Jugendpsychologin Marina Gottwald, „aber bei einem gesunden Menschen ist die Ausprägung nicht so stark und er kann in den verschiedenen Situationen unterschiedlich reagieren.“ Der Borderline-Patient hat dagegen nur wenige Strategien zur Verfügung, Konflikte laufen immer nach dem selben Muster ab. Auch im Beziehungsleben finden sich die Symptome: „Die Betroffenen idealisieren und entwerten sehr stark, an einem Tag ist man die große Liebe und vom einen auf den anderen Tag wird man schrecklich beschimpft, entwertet und verlassen“, sagt Stephan Doering, Leiter der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie an der MedUni Wien.

Life in Extremes

Borderliner erleben täglich emotionale Extremsituationen. „Das fühlt sich an als würde in einem Einkaufszentrum das eigene Kind verloren gehen“, veranschaulicht Gottwald. Genauso wenig wie die Mutter, die panisch ihr Kind im Getümmel des Shopping-Centers sucht, können sich die Patienten in den Extremsituationen beruhigen. Die Patienten müssen erst lernen mit den überbordenden Gefühlen umzugehen. In Einzeltherapie und in der Gruppentherapie wird an den Fähigkeiten im Umgang mit den eigenen Emotionen gearbeitet. In der Gruppe werden Lösungen für Konflikte gesucht, im Einzelsetting lernt man diese Lösungen für seinen eigenen Alltag anwendbar zu machen. „Für die Patienten geht es darum zu erkennen, Trigger zu erkennen, wann die Emotionen auftauchen und welche Strategien helfen, diese Stresssituationen zu lösen“, erklärt Gottwald.

„Heilung ist ein großes Wort, wer ist schon heil?“, Stephan Doering

Help!

Die Psychotherapie ist die einzige Behandlungsmöglichkeit bei BPS, Medikamente gibt es nicht. Medikamentös behandeln kann man nur Begleitkrankheiten oder bestimmte Symptome, wie etwa Schlafstörungen und extreme Erregungs- oder Angstzustände. Wird die Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS) diagnostiziert, braucht der Betroffene nicht nur die Hilfe von Experten, auch die Angehörigen seien gefordert. Auch sie müssen lernen mit den emotionalen Extremen umzugehen. Für sie ist die Unterstützung oft eine Gratwanderung: „Manche Angehörige kommen vollkommen erschöpft zu uns, weil sie von morgens bis abends versuchen ihre Borderline-Angehörigen zu unterstützen. Man muss Grenzen einführen: Bis hier hin und nicht weiter“, rät Doering.

„Mädchen neigen eher zu selbstverletzendem Verhalten, Burschen zeigen ihre Aggressivität eher nach außen“, Marina Gottwald

It’s in your genes

Ein großer Teil der Voraussetzung ist genetisch veranlagt. Diese Erkenntnis erlangten Forscher durch Zwillingsforschungen in den 1980er- und 90er-Jahren. Eineiige und zweieiige Zwillinge wurden miteinander verglichen, und auch gemeinsam aufgewachsene und nach der Geburt getrennte Zwillinge gegenübergestellt. Ein weiterer Teil der Voraussetzungen entsteht um die Geburt herum, wenn eine hohe Stressbelastung besteht und dann kommen die späteren Beziehungserfahrungen hinzu. „Man kann eine gewisse erbliche Belastung haben, aber mit positiven Beziehungserfahrungen normal leben. Dann ist man vielleicht ein bisschen temperamentvoll. Andere Kinder, die eine stabilere Veranlagung haben, die stecken sehr viel mehr weg ohne krank zu werden“, erläutert Doering. In der Diagnose sieht sich der Psychotherapeut zwei Dinge an: Die Symptomatik auf der einen Seite und das Beziehungsleben auf der anderen Seite. „Man muss nur differenzieren ob die Stimmung vielleicht durch die Entwicklung bedingt ist. Ein Kind in der Trotzphase oder in der Pubertät schaut oft gleich aus“, gibt Gottwald zu bedenken. Nicht jeder Pubertierende ist sofort ein Borderline-Patient. „Letztlich geht es darum zu schauen, wie liebes- oder arbeitsfähig jemand ist. Freud sprach hier von Genuss- und Leistungsfähigkeit “, sagt Stephan Doering.

„Patienten müssen den Umgang mit ihren Emotionen erst lernen“, Marina Gottwald

Mood Swing

Etwa 1-2% der österreichischen Bevölkerung leidet an BPS, der Borderline Persönlichkeitsstörung, damit ist sie eine eher häufige psychologische Erkrankung. Etwa drei Viertel der Patienten im klinischen Bereich sind weiblich, weshalb man lange Zeit annahm, dass BPS eher bei Frauen auftritt. Tatsächlich aber tritt die Erkrankung bei Männern und Frauen relativ gleichmäßig auf, wobei sich Frauen aber wahrscheinlicher in klinische Behandlung begeben, die männlichen Erkrankten hingegen eher in Gefängnissen und forensischen Kliniken, also in der Behandlung von bereits kriminell gewordenen Patienten, finden. Unterschiede gäbe es aber schon, so Marina Gottwald. „Das Bild sieht ein bisschen anders aus: Mädchen neigen eher zu selbstverletzendem Verhalten, Burschen zeigen ihre Aggressivität eher nach außen“, sagt sie. Von der Grenze, an die die Patienten scheinbar immer wieder gehen, leitet sich der Begriff übrigens gar nicht ab. Borderline bezeichnet die Grenze zwischen den Krankheitsbildern in der Psychotherapie, in deren Zwischenfeld diese Persönlichkeitsstörung angesiedelt ist – nämlich zwischen Neurose und Psychose.

„Bis hier hin und nicht weiter.“ Die Angehörigen müssen Grenzen setzen, rät Stephan Doering.

Heal me

„Heilung ist ein großes Wort, wer ist schon heil?“, fragt Doering rhetorisch. Aber mit der richtigen Therapie und dem Willen des Patienten werden gute Erfolgschancen erzielt. Trotzdem müssen die Patienten ein Leben lang an sich und ihren Emotionen arbeiten. „Ein Diabetiker muss ja auch schauen, dass er seinen Blutzuckerspiegel im Griff hat“, vergleicht Marina Gottwald. Stephan Doering meint: „Vorausgesetzt, dass der Therapeut seine Arbeit ordentlich macht und der Patient die Therapie durchhält, können Borderline-Patienten ein weitgehend normales Leben führen.“

 

Stephan Doering wurde in Holland geboren und wuchs in Deutschland auf. Als klassische Forscherkarriere bezeichnet er seinen Werdegang, der ihn an verschiedene Universitäten in Deutschland und Österreich brachte.

Marina Gottwald ist Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Zusätzlich ist sie Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie Familienpsychologin

Dieser Text entstand für die Gesundheitsbeilage des Kurier im Auftrag der Agentur MONOPOL.

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